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Mindestlohn 2026: Was die Erhöhung auf 13,90 € für KMU bedeutet

Julian Weisel · 21. Mai 2026 · 12 Min Lesezeit

Zum 1. Januar 2026 steigt der gesetzliche Mindestlohn von 12,82 € auf 13,90 €. Das ist +1,08 € pro Stunde (+8,42 %) — die größte sozialpartnerschaftlich beschlossene Anhebung in der Mindestlohn-Geschichte. Und 2027 kommt schon der nächste Schritt auf 14,60 €. Wer im Dezember 2025 noch nicht durchgerechnet hat, wundert sich im März 2026 über die BWA. Dieser Artikel zeigt dir die Mechanik dahinter, welche Branchen es besonders trifft, was du konkret tun kannst — und welcher Mehrjahres-Pfad sich abzeichnet.

Die nackten Zahlen — und was sie wirklich kosten

Eine Erhöhung um 1,08 € pro Stunde klingt klein. Auf der Vollzeitkraft (40 Stunden/Woche, 4,33 Wochen/Monat ≈ 173 Std monatlich) summiert sie sich aber sofort vierstellig:

Position20252026Delta
Stundenlohn (brutto)12,82 €13,90 €+1,08 €
Monatslohn (173 Std.)2.218 €2.405 €+187 €
Jahreslohn (12 Monate)26.612 €28.864 €+2.252 €
Arbeitgeberkosten (+ ca. 21 %)32.200 €34.926 €+2.725 €

Pro Mindestlohn-Vollzeitkraft zahlst du rund 2.725 € mehr pro Jahr — inklusive Lohnnebenkosten (~21 % AG-Anteil zur SV + Berufsgenossenschaft). Das sind 227 € pro Monat — und damit das 2,6-fache der 2025er-Anpassung. Bei einem Betrieb mit 5 Mindestlohn-Vollzeitkräften reden wir über rund 13.600 € zusätzliche Personalkosten, die direkt aus der Marge kommen — wenn die Preise nicht angepasst werden.

Laut Statistischem Bundesamt profitieren ~6,6 Millionen Beschäftigte direkt von der 2026er-Anhebung. Im Realwert (nach Inflation) ist das ein Reallohn-Plus von etwa +6,1 % (HVPI 2025: +2,3 %, Tarifindex 2025: +2,6 %) — der Mindestlohn entkoppelt sich nach oben von der allgemeinen Lohnentwicklung.

Was die Mindestlohnkommission diesmal anders gemacht hat

Die Erhöhung 2026 ist kein politischer Sprung wie 2022 (12,00 € per Anordnung der Bundesregierung). Sie kam aus der Mindestlohnkommission, am 27. Juni 2025 — einstimmig, ohne Sondervotum von Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseite. Die Kommission hat dabei ihre Methodik im Januar 2025 angepasst: sie orientiert sich jetzt neben dem nachlaufenden Tariflohnindex auch am 60-%-Median-Referenzwert aus der EU-Mindestlohnrichtlinie. Das erklärt den ungewöhnlichen Sprung.

Konkret: Der Median-Bruttostundenlohn vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer lag im April 2025 bei 21,48 € (Destatis). Die 60-%-EU-Schwelle wäre damit 12,89 €. Mit 13,90 € überschreitet Deutschland 2026 erstmals diese Marke; mit 14,60 € (2027) wird der Pfad endgültig erfüllt — auch das ist bereits per MiLoV5 verbindlich beschlossen.

Die unterschätzten Folgekosten — der Lohnabstand

Die direkte Lohnerhöhung ist nicht das ganze Bild. Wenn deine Hilfskraft von 12,82 € auf 13,90 € steigt (+8,4 %) und der ausgebildete Geselle bei 16,50 € stehen bleibt, schrumpft der Lohnabstand von 3,68 € auf 2,60 €. Das merkt jeder im Betrieb innerhalb von zwei Wochen. Aus betrieblicher Sicht ist das oft schwer haltbar — qualifizierte Mitarbeiter erwarten einen sichtbaren Abstand zum Mindestniveau, sonst werden sie unruhig.

Faustregel: Plane mindestens 60 % der prozentualen Anhebung auch für die Lohngruppe direkt drüber ein. Geselle 16,50 € → 17,30 € (+4,8 %), Vorarbeiter entsprechend. Eine realistische Kalkulation für einen Betrieb mit gemischter Belegschaft veranschlagt deshalb 3.500–5.000 € Mehrkosten pro Vollzeitkraft im Jahr, wenn das gesamte Lohngefüge stimmig bleiben soll — fast das Dreifache der reinen Mindestlohn-Mehrkosten.

Praxisbeispiel: Ein Café mit 3 Mindestlohn-Servicekräften (Vollzeit) und 4 Festangestellten knapp über Mindestlohn muss kalkulatorisch rund 18.000–24.000 € zusätzliche Personalkosten für 2026 einplanen — wenn der Lohnabstand erhalten bleiben soll. Wer nur die untere Lohngruppe anpasst, spart kurzfristig — und verliert mittelfristig den besten Vorarbeiter.

Wer trifft's am härtesten — Branchen-Folgen 2026

Friseure, Kosmetik, Nagelstudios

Personalkostenanteil typisch 55–65 % vom Umsatz. Eine Mindestlohn-Friseurin macht bei 38 h/Woche rund 165 € mehr brutto pro Monat, mit Arbeitgeberanteilen knapp 205 € Mehrkosten pro Kopf und Monat — also rund 2.460 € pro Mitarbeiter und Jahr. 10-MA-Salon mit 6 MA auf oder nahe Mindestlohn → rund 14.700 € Mehrkosten pro Jahr. Bei 600.000 € Jahresumsatz sind das 2,5 Prozentpunkte direkt aus der Marge. Friseure sind nicht flächentarifgebunden, müssen also über Preise reinholen — Kunden vergleichen, der Schmerz beim Haarschnitt ist real.

Gastronomie (Cafés, Bäckereien, Imbiss)

Personalkostenanteil 30–40 %, bei Cafés und Bäckereifilialen oft Richtung 45 %. Die Branche hat seit 2022 schon zwei harte Sprünge geschluckt (9,82 → 12,00 → 12,82). Der nächste auf 13,90 € trifft auf eine Branche, deren Gäste-Preisbereitschaft am Limit ist — viele Cafés berichten 2025 schon rückläufige Besucherzahlen bei steigenden Bons. Stiller Killer hier: Aushilfen und Minijobber sind oft schon auf Mindestlohn. Wenn die Köchin 14,50 € verdient und die Spüle 13,90 € — wo bleibt der Abstand?

Pflege (ambulant + stationär)

Sonderfall: Pflegemindestlohn liegt 2026 für Pflegehilfskräfte bei 16,10 €, für Fachkräfte bei 20,50 € (Pflegekommissions-Empfehlung). Der gesetzliche Mindestlohn ist hier nicht der direkte Hebel — aber Hauswirtschaftskräfte, Fahrer, Verwaltung greifen darunter und werden mitgezogen. Refinanzierung läuft über Pflegekassen-Vergütungssätze, die hängen den Tariflöhnen meist 6–12 Monate hinterher. Liquiditätsfalle.

Logistik, Paketdienst, Kurier-Subunternehmer

Personalkostenanteil bei kleinen Subunternehmern 60–70 %. Die Subunternehmer-Struktur in der Paketzustellung ist auf Centgenauigkeit kalkuliert. Eine Erhöhung um 1,08 €/Std × 40 h × 4,33 Wochen = ~187 € brutto Mehrkosten pro Fahrer und Monat. Bei einem 8-Fahrer-Subunternehmer sind das ~22.500 € mehr pro Jahr. Wer das nicht in den Vertrag mit DHL/Hermes/DPD reinverhandelt bekommt, geht raus.

Gebäudereinigung, Wachschutz

Beide flächentarifgebunden. Gebäudereinigung: Lohngruppe 1 (Innenreinigung) ab 1.1.2026 bei 15,00 € (Tarif, allgemeinverbindlich), Lohngruppe 6 (Glas/Fassade) bei 18,40 €. Wachschutz: Sicherheitsdienste-Tarif liegt je nach Bundesland zwischen 14,00 € und 16,50 €. Hier ist nicht der Mindestlohn das Problem — sondern der Lohnabstand, der jetzt im unteren Tarifbereich zerquetscht wird.

Einzelhandel ohne Tarif

Tarifgebundene Verkäuferinnen (Einzelhandelstarif NRW: rund 14,40 € Endstufe) sind raus. Aber: viele inhabergeführte Läden zahlen Mindestlohn. 10-MA-Einzelhandel mit 7 MA unter 14,60 € → ~17.000 € Mehrkosten pro Jahr plus Folgeeffekte 2027.

Bauhandwerk

Bauhauptgewerbe-Mindestlohn liegt schon bei 14,35 € (Helfer) bzw. 16,80 € (Fachwerker, West). Hier trifft die Erhöhung primär Helfer-Tätigkeiten außerhalb des Bautarifs — also Trockenbau-Subs ohne Tarifbindung, GaLaBau-Aushilfen, Reinigungs-Subs auf Baustellen.

Wer kommt durch ohne große Pein?

  • Steuerberater, Anwälte, Architekten: Personalkostenanteil 35–45 %, aber niemand auf Mindestlohn. Honorare regelmäßig anpassbar.
  • IT-Dienstleister, Beratungen: Stundensätze 90–180 €, Mindestlohn-Niveau spielt keine Rolle.
  • Maschinenbau mit Facharbeitern: Tarif IG Metall bei 22+ €, Mindestlohn weit unter Einstiegsstufe.
  • Inhabergeführte Spezialwerkstätten (KFZ-Oldtimer, Goldschmiede, Restauratoren): hohe Marge, Preissetzungsmacht über Spezialisierung.

Kurz: Wer auf einem Stundensatz unter 25 € arbeitet und mehr als 40 % Personalkosten hat — du musst 2026 deine Preiskalkulation komplett anfassen. Wer auf 80+ € arbeitet — du merkst es kaum.

Berechne die Mehrkosten für deinen Betrieb

Stell die Stellschrauben unten ein — du siehst sofort, was dich die Mindestlohn-Erhöhung 2026 wirklich kostet. Inklusive Lohnnebenkosten und Lohnabstand-Effekt für deine Festangestellten.

Mindestlohn-Cost-Calculator · 2026

Was kostet dich die Mindestlohn-Erhöhung 2026 wirklich?

Jahres-Mehrkosten 2026 21.072
1.756 € pro Monat
Preisanpassung nötig ≈ 4%

= Mindestlohn-Erhöhung 12,82 → 13,90 € + Lohnabstand-Anpassung Festangestellte · inkl. Lohnnebenkosten (~21 %).

3

Wie viele Vollzeitkräfte auf Mindestlohn-Niveau (40 Std/Woche)

4

Mitarbeiter knapp über Mindestlohn — müssen mitgezogen werden

0,60 €/h

Stundenlohn-Mehrkost pro Festangestellten · Faustregel: 60 % der Mindestlohn-Anhebung (0,65 €) = 0,60–0,80 €

Wie sich die Mehrkosten zusammensetzen

3 × 2.725 € + 4 × 1.512 € × 1,21 = …

Wie ich rechne — Annahmen ansehen

Mindestlohn-Direkt: Mindestlohner × (13,90 − 12,82) € × 2.080 Std × 1,21 (Lohnnebenkosten). 2.080 Std/Jahr = 40 Std/Woche × 52 Wochen. Lohnnebenkosten 21 % decken AG-Anteil zur SV (~20 %) plus Berufsgenossenschaft (~1 %).

Lohnabstand: Festangestellte knapp über Mindestlohn werden mitgezogen, sonst kippt das Lohngefüge. Faustregel für 2026: 60 % der prozentualen Anhebung (8,4 % × 60 % ≈ 5 %), bei Geselle 16,50 € → 17,30 € entspricht das ~0,80 €/h. Slider-Default 0,60 €/h ist konservativ.

Preisanpassung: Mehrkosten ÷ (Lohnsumme × 1,8) × 100 — die 1,8 ist der Vollkosten-Multiplikator zum Verkaufspreis (typisch für KMU). Wer Festpreise verhandelt hat, muss bei nächster Anpassung diesen Anteil mit reinrechnen.

Was hier nicht steckt: Sozialleistungen (Edenred, Tankgutschein, bAV), Tariflohn-Anpassungen 2026 in deinem Sektor, der zweite Schritt 2027 auf 14,60 € (rechne ihn schon mal grob mit ein: nochmal ähnliche Größenordnung).

Mindestlohn-Erhöhung gilt ab 1. Januar 2026: von 12,82 € auf 13,90 €/h (+8,4 %). Berechnung berücksichtigt Lohnnebenkosten und Lohnabstand zu Festangestellten. Für 2027 (14,60 €) rechne die gleiche Größenordnung nochmal.

Verwandter Rechner Stundensatz erhöhen Wie viel musst du pro Stunde nehmen?

Bei 3 Mindestlohnern + 4 Festangestellten kostet die Anpassung 11.220 €/Jahr zusätzlich. Bei 1,8× Vollkosten-Faktor entspricht das ~2 % Preisanpassung, um die Marge zu halten.

Acht Strategien für KMU — 2026 und für den Pfad bis 2028

1. Rechne den Schock auf Heller und Pfennig durch — vor der Januar-Abrechnung

Hol dir die Lohnbuchhaltung aus Dezember 2025 und zieh dir eine Tabelle: jeder Mitarbeiter, aktueller Stundenlohn, neuer Stundenlohn ab 1.1.2026 (Mindestlohn 13,90 €), Arbeitsstunden pro Monat, Brutto-Differenz, plus rund 21 % Arbeitgeberanteil obendrauf. Beispiel: 8 Mitarbeiter zwischen 12,82 € und 13,50 €, im Schnitt +0,75 €/h. Bei 165 h/Monat sind das +124 € pro Kopf brutto, +150 € inkl. AG-Anteil. Mal 8 = 1.200 € pro Monat, 14.400 € im Jahr. Plus die zwei Vorarbeiter, die du mit anheben musst (siehe Strategie 3) — landest schnell bei 18–20 k im Jahr.

Was passiert wenn du's nicht machst: Du merkst die Lücke erst bei der BWA im März. Da hast du ein Quartal Verlust mitgeschleppt, den keiner zurückholt.

2. Preise jetzt anpassen — nicht im März

Stundensätze, Pauschalen und Angebote, die vor dem 1.1. rausgehen, gelten meistens 3–6 Monate. Wenn du den Stundensatz erst im April erhöhst, finanzierst du Q1 aus eigener Tasche. Faustregel: Wenn deine Lohnkosten 45 % vom Umsatz ausmachen und Löhne um 6 % steigen, brauchst du +2,7 % auf den Endpreis — nur um die Marge zu halten. Plus Materialkosten, Energie, Versicherung — realistisch 4–5 %. Schreib bis 15. Dezember eine kurze Mail an deine Stammkunden: „Ab 1.1.2026 gelten neue Stundensätze. Bis Jahresende läuft der alte Satz." Wer Klartext bekommt, akzeptiert es. Wer es per Rechnung erfährt, fragt nach. Mehr dazu unter Preiserhöhung kommunizieren.

Was passiert wenn du's nicht machst: Q1 läuft mit alten Preisen, neuen Kosten. Bei 400 k Umsatz im Quartal sind das 12–16 k weniger Deckungsbeitrag, die du nicht aufholst.

3. Lohnabstand zu Fachkräften aktiv verteidigen

Wenn dein Helfer von 12,80 € auf 13,90 € hochgezogen wird (+8,6 %) und dein Geselle bei 16,50 € stehen bleibt, schrumpft der Abstand von 3,70 € auf 2,60 €. Das merkt jeder im Betrieb innerhalb von zwei Wochen — und es ist der häufigste Grund, warum gute Leute kündigen. Plane mindestens 60 % der prozentualen Anhebung auch für die Lohngruppe drüber ein. Geselle 16,50 € → 17,30 € (+4,8 %). Vorarbeiter entsprechend.

Was passiert wenn du's nicht machst: Im Sommer 2026 kündigt dir der beste Geselle. Nicht wegen der 80 Cent, sondern weil er sich vorgeführt fühlt. Die Kosten für Neubesetzung (Anzeige, Einarbeitung, drei Monate halbe Produktivität) liegen bei 8.000–15.000 € pro Stelle.

4. Minijob-Grenze sauber neu rechnen

Die Minijob-Grenze ist dynamisch an den Mindestlohn gekoppelt. Sie steigt zum 1.1.2026 auf 603 €/Monat (Vorjahr 556 €), zum 1.1.2027 auf 633 €. Formel: Mindestlohn × 130 / 3. Bei 13,90 €/h darf eine Minijob-Kraft also 43,4 Stunden pro Monat arbeiten — etwas mehr als bisher in absoluten Euro, aber praktisch fast gleich viele Stunden wie 2025.

Mach im Dezember mit jedem Minijobber einen neuen Stundenplan-Aushang. Entweder Stundenzahl runter oder bewusst auf Midijob (603,01–2.000 €) anheben — letzteres oft sinnvoller, weil die Stunden gebraucht werden und der AG-Anteil im Übergangsbereich noch reduziert ist.

Was passiert wenn du's nicht machst: Beim nächsten Sozialversicherungs-Audit zahlst du 24 Monate rückwirkend nach. Pro Person schnell vierstellig.

5. Automatisierung gezielt — nicht Schaufenster-Digitalisierung

Lohnt sich konkret bei: digitaler Zeiterfassung (spart 2–4 h Büroarbeit/Woche, Amortisation < 6 Monate), Angebots-Software mit Vorlagen (statt jedes Angebot neu in Word), Online-Terminbuchung (im Dienstleistungsgewerbe spart 1 Halbtagsstelle Telefon ab ca. 80 Terminen/Woche), Routenplanung für Außendienst, automatisierter Rechnungserstellung aus Stundenzetteln.

Lohnt sich meist nicht: KI-Chatbots für 5-MA-Betriebe (Pflegeaufwand > Nutzen), eigene App, Robotik unter 200 k Umsatz pro automatisierbarer Stelle. Faustregel: Wenn die Lösung sich nicht in 18 Monaten über eingesparte Lohnstunden rechnet, lass es.

Was passiert wenn du's nicht machst: Du löst das Lohnproblem nicht strukturell — und sitzt 2027 mit dem gleichen Schock wieder da.

6. Vertriebsdruck hochfahren statt Personal abbauen

Wenn ein Mitarbeiter dich 50 k im Jahr kostet und 80 k Umsatz erwirtschaftet (Deckungsbeitrag 30 k), bringt dir Personalabbau 30 k Ersparnis — aber 80 k weniger Umsatz und einen Kapazitäts-Engpass, der dich Aufträge kostet. Den gleichen Effekt holst du, wenn du den Auftragsschnitt pro Mitarbeiter um 8 % hebst.

Konkret: 2 Stunden pro Woche Akquise blockieren (Bestandskunden anrufen, Angebote nachfassen). 80 % der KMU machen das nicht systematisch — ein wöchentlicher Termin mit dir selbst, 14–16 Uhr Freitag, schlägt jeden Personalabbau.

Was passiert wenn du's nicht machst: Du senkst die Kosten, verlierst aber die Kapazität, die du brauchst, sobald 2027 die nächste Erhöhung kommt.

7. Tarifflucht-Falle verstehen — und bewusst entscheiden

Wenn du nicht tarifgebunden bist, hast du Spielraum — aber 2026 wird die Lücke sichtbar. Im Handwerk liegen Tariflöhne oft 1,50–2,50 € über dem neuen Mindestlohn. Ein Helfer im Tarif bekommt 15,80 €, bei dir 13,90 €. Das findet sich in 5 Minuten auf den Gewerkschafts-Seiten — und deine Bewerber schauen dort hin.

Entscheidung: Entweder du näherst dich freiwillig in Schritten (z.B. 50 Cent über Mindestlohn als Hausstandard), oder du machst es mit Sachleistungen wett (Tankgutschein 50 €/Monat steuerfrei, betriebliche Altersvorsorge 100 €/Monat, Edenred-Karte 50 €). 2.400 € Sachleistung im Jahr schlägt 1.200 € Brutto in der Wahrnehmung — und kostet dich weniger.

Was passiert wenn du's nicht machst: Du wirst zum Auffangbecken für die, die im Tarifbetrieb nicht genommen wurden.

8. Plane bis 2028 — nicht bis Januar

Die Mindestlohnkommission hat den Kurs klar gezeigt: Pfad zu 60 % des Median-Brutto-Stundenlohns (EU-Richtlinie). Mit 14,60 € (2027) wird die Schwelle endgültig überschritten. Die Bundes-Statistik wandert mit — der Median 2027 dürfte bei 22,50 € liegen, 60 % davon entsprechen 13,50 €. Konservatives Szenario der nächsten Kommissionsbeschlüsse:

  • 2026: 13,90 € (+8,4 %) — beschlossen
  • 2027: 14,60 € (+5,0 %) — beschlossen
  • 2028: ca. 15,20 € (+4,1 %) — Schätzung Kommissions-Pfad
  • 2029: ca. 15,80 € (+3,9 %) — Schätzung
  • 2030: ca. 16,40 € (+3,8 %) — Schätzung

Im progressiven Szenario (Hans-Böckler-Position, EU-Referenz konsequent eingerechnet) landest du 2030 eher bei 17,20 €. Mach eine Drei-Jahres-Lohnplanung. Rechne die Personalkosten für 2028 schon heute durch. Wenn dein Geschäftsmodell bei 15 €/h Mindestlohn nicht mehr trägt, hast du ein Geschäftsmodell-Problem, kein Lohnproblem — und drei Jahre Zeit, das zu lösen statt zu verdrängen.

Für Inhaber im Generationenwechsel: 2026 ist der Moment, das gesamte Lohnsystem neu aufzusetzen — Stufenmodell, Leistungskomponente, transparente Kriterien. Pflaster kleben verlängert das Problem.

Was passiert wenn du's nicht machst: 2027 sitzt du wieder hier — gleicher Schock, ein Jahr weniger Vorbereitung, eine Lohnrunde mehr im Rücken.

Wie 2026 in den Mehrjahres-Pfad passt

Die Erhöhung auf 13,90 € (+8,42 %) ist die größte sozialpartnerschaftlich beschlossene Anhebung in der Mindestlohn-Geschichte. Sie überschreitet drei Linien gleichzeitig:

  • Inflation: Der HVPI lag 2024 bei 2,3 %, 2025 bei rund 2,2 % — der Mindestlohn wächst 2026 also vier Mal so schnell wie die Verbraucherpreise.
  • Tariflohn-Entwicklung: Die allgemeinen Tariflöhne 2025 stiegen um nominal 2,6 % (WSI). Der Mindestlohn entkoppelt sich nach oben.
  • Median-Bruttolohn: Der Median-Bruttostundenlohn vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer lag im April 2025 bei 21,48 €. 13,90 € entsprechen damit rund 64 % des Median-Brutto-Stundenlohns — über dem EU-Referenzwert von 60 %.

EU-Mindestlohnrichtlinie und EuGH-Urteil C-19/23

Die EU-Richtlinie 2022/2041 verlangt von Mitgliedstaaten ein Verfahren, das „Angemessenheit" sichert. Als Referenzwerte nennt sie 60 % des Brutto-Medianlohns und 50 % des Durchschnittslohns. Auf Klage Dänemarks hat der EuGH am 11.11.2025 (C-19/23) Teile der Richtlinie für nichtig erklärt — die EU darf den Mitgliedstaaten nicht konkrete Berechnungs-Kriterien vorschreiben. Der Rest der Richtlinie (60-%-Referenz, Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung bei <80 % Tarifabdeckung) bleibt gültig.

Was das für den Pfad bedeutet: Die Kommission hat genau diese Lücke mit dem Zwei-Stufen-Beschluss (13,90 € / 14,60 €) verkleinert, aber nicht geschlossen. Der Methodenbericht 2025 deutet an: Die Kommission wird ab 2027/28 stärker Kaufkraft und Median-Referenz gemeinsam gewichten.

Welche Termine in den Kalender gehören

  • Q2 2027 — nächste Kommissions-Empfehlung (für 2028/29). Indikator, ob sich der hybride Anker hält oder der 60-%-Median dominant wird.
  • Bundestagswahl-Zyklus — eine politische Festsetzung wie 2022 ist nicht ausgeschlossen, besonders im Koalitionsverhandlungs-Fenster.
  • Aktionsplan Tarifbindung — die Bundesregierung muss laut EU-Richtlinie 2025/26 vorlegen, wie sie die Tarifbindung (aktuell ca. 49 %) Richtung 80 % bringt. Wahrscheinliche Folge: Stärkung der Allgemeinverbindlichkeit, mehr Branchen-Mindestlöhne.
  • Mindestlohnkommission-Neubesetzung — Vorsitz wird turnusmäßig neu besetzt; personelle Verschiebungen verändern die Stimmgewichte.

Sektor-Mindestlöhne bewegen sich schon jetzt deutlich: Gebäudereinigung Lohngruppe 1 = 15,00 €, Lohngruppe 6 = 18,40 € (beide ab 1.1.2026); Pflege-Mindestlohn 16,10 € (Helfer) / 20,50 € (Fachkräfte); Bauhauptgewerbe für Fachkräfte über 14 €. Wer dort Personal sucht, muss faktisch oberhalb dieser Werte ansetzen — der gesetzliche Mindestlohn ist nur noch die Untergrenze für ungebundene Branchen.

Quellen


Die 2026er-Erhöhung ist kein normales Mindestlohn-Update — sie ist der größte sozialpartnerschaftliche Sprung seit Einführung 2015. Wer im Dezember 2025 die Zahlen sauber durchrechnet, Preise früh kommuniziert und den Lohnabstand stabil hält, geht ohne Bauchgrimmen ins neue Jahr. Wer wartet, gerät im Februar oder März in die Sandwichposition zwischen höheren Kosten und Kunden, die plötzliche Preissprünge nicht verstehen. Und: 2027 kommt der nächste Schritt. Plane in Mehrjahres-Schritten, nicht in Januar-Schock-Reaktionen.

Zum Mitnehmen

5 Sofortmaßnahmen vor dem 1. Januar 2026

  1. Berechne deine exakte Mehrkost: Mindestlohn-Beschäftigte × ~2.725 € (Direktkosten inkl. AG-Anteil) plus Festangestellte × ~1.500–2.000 € (Lohnabstand-Anpassung). Halt die Zahl bereit für Kundengespräche.
  2. Versende bis 15. Dezember eine schriftliche Preisanpassungsmitteilung an alle Stammkunden — mit konkretem Bezug zur Mindestlohnerhöhung und neuen Stundensätzen ab 1.1.2026.
  3. Prüf alle Minijobber-Stundenkontingente: Bei 13,90 € Stundenlohn dürfen sie maximal 43,4 Stunden monatlich arbeiten, ohne die 603-€-Grenze 2026 zu reißen — pass die Schichtpläne entsprechend an.
  4. Mach eine 60-%-Lohnabstands-Tabelle: Welche Festangestellten liegen knapp über Mindestlohn? Welche Anpassung ist nötig, damit der Abstand stimmt? Plan, Datum, Wert pro Person — am besten direkt mit dem Lohnbüro.
  5. Plane 2027 (14,60 €) schon mit. Trag den nächsten Schritt in deine Mehrjahres-Planung ein, kalkuliere die ungefähre Mehrkost. Vermeidet den zweiten Schock im Januar 2027.

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