Wie Factoring funktioniert
Du stellst eine Rechnung über 50.000 Euro, Zahlungsziel 60 Tage. Bis das Geld eingeht, liegen zwei Monate Kapital gebunden — Kapital, das du für Material, Löhne und laufende Kosten brauchst. Factoring löst dieses Problem: Du verkaufst die Forderung an ein Factoringunternehmen (den Factor), das dir sofort einen Großteil des Betrags — typisch 85–97 % — auszahlt. Den Rest erhältst du, sobald dein Kunde zahlt, abzüglich Gebühren.
Der Factor tritt damit in die Gläubigerstellung ein: Er mahnt, er wartet, er trägt das Ausfallrisiko — zumindest beim echten Factoring.
Echtes vs. unechtes Factoring
Der wichtigste Unterschied liegt beim Ausfallrisiko:
- Echtes Factoring (pro-soluto): Der Factor übernimmt das volle Ausfallrisiko. Zahlt dein Kunde nicht, ist das sein Problem — nicht deins. Du hast deine Liquidität und bist raus. Diese Variante ist teurer.
- Unechtes Factoring (pro-solvendo): Der Factor kauft die Forderung, aber das Ausfallrisiko bleibt bei dir. Zahlt dein Kunde nicht, musst du die Auszahlung zurückgeben. Günstiger in den Gebühren, aber du trägst weiterhin das Risiko.
Für die meisten KMU, die Factoring zur Risikoabsicherung nutzen wollen, ist echtes Factoring die sinnvollere Wahl — selbst wenn es etwas mehr kostet.
Was Factoring kostet
Die Kosten setzen sich typisch aus zwei Bestandteilen zusammen:
- Factoringgebühr: 0,5 bis 2,5 % des Forderungsbetrags. Abhängig von Bonität des Kunden, Forderungslaufzeit und Volumen.
- Zinsen: Auf den vorfinanzierten Betrag für die Zeit bis zur tatsächlichen Kundenzahlung. Ähnlich einem Kontokorrentkredit, oft 3–8 % p.a.
Bei einem Gesamtvolumen von 500.000 Euro offener Forderungen können die Jahreskosten damit 8.000 bis 20.000 Euro betragen — je nach Konditionen. Das klingt viel, ist aber oft günstiger als ein dauerhaft ausgeschöpfter Kontokorrentkredit, der dazu noch das Rating bei der Bank belastet.
Wann Factoring sinnvoll ist
Factoring passt besonders gut, wenn mehrere dieser Faktoren zutreffen:
- Lange Zahlungsziele (45, 60, 90 Tage) bei gewerblichen Kunden
- Starkes Wachstum, das mehr Kapital bindet als die laufende Marge freigibt
- Saisonale Schwankungen mit Liquiditätstälern (z.B. Bau, Tourismus)
- Konzentration auf wenige Großkunden — Ausfallrisiko soll gestreut werden
Nachteile und Grenzen
Factoring hat Schattenseiten. Beim offenen Factoring erfährt dein Kunde, dass seine Rechnung an einen Dritten abgetreten wurde — manche Kunden empfinden das als Misstrauenssignal. Außerdem kauft der Factor nicht jede Forderung: Zu kleine Beträge, unsichere Schuldner oder Privatpersonen werden oft abgelehnt. Und auch nicht jede Branche eignet sich: Bei Forderungen mit hohem Mängelrisiko (z.B. Bau) ist der Ankauf schwierig.
Stilles Factoring umgeht das Transparenzproblem: Dein Kunde zahlt weiterhin auf dein Konto, du hast intern aber die Forderung bereits verkauft. Der Factor erfährt es, dein Kunde nicht — das kostet meist etwas mehr Gebühr.
Beispiel: Bauunternehmer mit langen Zahlungszielen
Offene Forderungen: 500.000 € · Durchschnittliches Zahlungsziel: 60 Tage
Factoringquote: 97 % → Sofortauszahlung: 485.000 €
Factoringgebühr (1 %): 5.000 € + Zinsen (ca. 10.000 €) = Gesamtkosten: ~15.000 €
Ergebnis: Kein Kontokorrentkredit nötig, Ausfallrisiko übertragen, volle Handlungsfähigkeit für neue Aufträge. Die 15.000 € Kosten können durch frühere Materialeinkäufe mit Skonto teilweise wieder eingeholt werden.
Factoring ist kein Allheilmittel — aber für Betriebe mit langen Zahlungszielen und wachsendem Geschäft oft der direkteste Weg zu planbarer Liquidität. Die Entscheidung sollte immer den Vergleich mit dem Kontokorrentkredit einschließen.