Liquidität & Kapital

Kontokorrentkredit

Julian Weisel · 5 Min Lesezeit

Der Kontokorrentkredit ist ein Überziehungsrahmen auf dem Geschäftskonto — er ermöglicht kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken, ist aber einer der teuersten Finanzierungsformen für KMU.

Wie der Kontokorrentkredit funktioniert

Die Bank räumt dir eine Kreditlinie ein — sagen wir 150.000 Euro. Solange dein Konto im Plus ist, passiert nichts. Wenn du mehr ausgibst als drauf ist, ziehst du die Linie. Du zahlst Zinsen nur auf den tatsächlich genutzten Betrag, und du kannst jederzeit tilgen, indem Zahlungseingänge das Konto wieder auffüllen. Keine feste Laufzeit, keine monatliche Ratenzahlung — das ist der große Vorteil.

Die Bank setzt die Höhe der Kreditlinie in der Regel jährlich neu fest, basierend auf Jahresabschluss, Umsatz und Bonität. Sie kann die Linie auch kurzfristig kürzen — das ist ein Risiko, das viele Inhaber unterschätzen.

Was der Kontokorrentkredit kostet

Der Preis ist der Hauptnachteil. Typische Sollzinsen für Geschäftskunden liegen zwischen 6 und 12 % p.a. — deutlich mehr als ein langfristiges Investitionsdarlehen (oft 3–5 %). Hinzu kommt manchmal eine Bereitstellungsgebühr auf die gesamte eingeräumte Linie, selbst wenn du sie kaum nutzt. In der Summe ist der Kontokorrentkredit einer der teuersten Wege, sich zu finanzieren — er ist für kurzfristige Überbrückung gedacht, nicht als Dauerlösung.

Jährliche Zinskosten (vereinfacht):

Kosten = genutzter Betrag × Zinssatz p.a.

Wann der Kontokorrentkredit sinnvoll ist

Für kurzfristige, planbare Lücken ist der Kontokorrentkredit das richtige Werkzeug. Beispiele:

  • Saisonbetrieb mit vorhersehbaren Tiefpunkten (Campingplatz im Winter, Eisdiele im November)
  • Lohnzahlung Ende des Monats, größere Kundenzahlung kommt Anfang des nächsten
  • Materialbeschaffung für einen Großauftrag, dessen Abrechnung in 30 Tagen kommt

Der Schlüssel ist das Wort "kurzfristig". Wer die Linie zieht und sie nach zwei bis drei Wochen wieder ausgleicht, nutzt das Instrument wie vorgesehen.

Wenn die Linie dauerhaft ausgeschöpft ist

Eine dauerhaft voll ausgeschöpfte Kreditlinie ist eines der klarsten Warnsignale in der Unternehmensanalyse. Sie zeigt: Der Betrieb finanziert laufende Ausgaben nicht aus seinen Erträgen, sondern aus Bankkredit. Das ist strukturelles Liquiditätsproblem — kein temporäres.

Die Konsequenz: Die Bank sieht das. Bei der nächsten Jahresrevision droht eine Kreditlinienkürzung — genau dann, wenn du sie am meisten brauchst. Außerdem verhindert eine ausgeschöpfte Linie jede unvorhergesehene Ausgabe: kaputte Maschine, Steuernachzahlung, Chance auf günstigen Materialkauf.

Alternativen zum Dauerkontokorrent

Wer feststellt, dass die Linie chronisch ausgeschöpft ist, sollte die Ursache analysieren:

  • Zu lange Zahlungsziele bei Kunden → Factoring prüfen
  • Zu viel Kapital in Vorräten gebunden → Lagerhaltung optimieren
  • Saisonal planbare Lücken → langfristiges Betriebsmitteldarlehen mit fester Rate
  • Strukturell zu wenig Marge → Preise und Kostenstruktur überprüfen

Beispiel: Handwerksbetrieb mit chronisch ausgeschöpfter Linie

Kreditlinie: 150.000 € · Durchschnittlich genutzt: 130.000 €
Zinssatz: 8 % p.a. → Jahreskosten: 10.400 €

Gleichzeitig: 80.000 € offene Kundenforderungen mit 45 Tagen Zahlungsziel.
Factoring dieser Forderungen würde sofort ~77.000 € freisetzen → Kreditlinie sinkt auf 53.000 € Nutzung → Zinskosten halbieren sich → und die Bank sieht eine entspannte Liquiditätssituation.


Der Kontokorrentkredit ist ein nützliches Werkzeug, wenn man ihn versteht — und ein teures Symptombehandlungsmittel, wenn man sich dauerhaft darauf verlässt. Die Frage ist nicht, ob man ihn hat, sondern ob man ihn braucht.

Kreditlinie dauerhaft ausgeschöpft?

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